Wietze/Steinförde: Zusammenlegung 1928

Die Zusammenlegung der früheren Gemeinden Wietze und Steinförde
(Von Dr. Erich Bunke aus seinem Buch »Wietze im 20. Jahrhundert«)

Die Zusammenlegung dieser beiden früher selbständigen Gemeinden zu einer Gemeinde Wietze erfolgte durch Staatsministerial-Beschluss vom 5. Oktober 1928.

Zu mehreren Beschwerden über die Vereinigung dieser beiden Gemeinden nahm der Landrat des Kreises Gelle, Landrat Heinichen, in einem Schreiben an den Regierungspräsidenten in Lüneburg vom 21.09.1929 unter anderen mit folgenden Begründungen Stellung. Anfangs schildert er die Lage der Gemeinden vor der Zusammenlegung:

Die frühere Gemeinde Wietze hatte vor der Zusammenlegung etwa 1.500 Einwohner. Wietze hat den Hauptsitz der hannoverschen Erdölindustrie, die im Besitz der Deutschen Erdöl AG ist. Die Belegschaft der DEA in Wietze beläuft sich auf rund 1.100 Mitarbeiter, von denen etwa 300 in der früheren Gemeinde Wietze wohnen, während sich die übrigen auf die weitere Umgebung, insbesondere auf die frühere Gemeinde Steinförde verteilten. Auch die beiden Betriebsdirektoren wohnten in Wietze.

Die Steuerverhältnisse von Wietze waren früher sehr günstig. In den letzten Jahren sind die Lasten aber durch Ausbau der Schachtanlage gestiegen. Die Gemeindevertretung von Wietze war bäuerlich-bürgerlich orientiert. Die Gemeindeverwaltung wurde durch den früheren Gemeindevorsteher Hacke ordentlich und sparsam geführt. Man beschränkte sich auf das Notwendige.

Die frühere Gemeinde Steinförde ist mit Wietze baulich verbunden. Auch sie hatte etwa 1.500 Einwohner. Sie war Betriebssitz des Kaliwerkes Steinförde AG mit einer Belegschaft von zuletzt etwa noch 200 Mann, außerdem hatte sie ein größeres Sägewerk und eine Forstbaumschule mit einer Klenganstalt der Firma H. G. Rahte.
Die Steuerverhältnisse waren früher gleichfalls günstig. Dieses Bild änderte sich aber mit der 1926 erfolgten Stilllegung des Kaliwerkes. Die Gemeindevertretung von Steinförde war sozialistisch orientiert und wurde durch den früheren Gemeindevorsteher Höppner, einem nicht unbegabten, aber nervösen, zu Experimenten neigenden und der Bevölkerung gegenüber zu nachgiebigen Manne, der über Wunschbildern häufig die Wirklichkeit vergaß, nicht mit der Ordnung geführt, die bei den sich immer mehr zuspitzenden Verhältnissen besonders notwendig gewesen wäre, so dass wiederholt Revisionen vorgenommen und Ermahnungen erteilt werden mussten.
Wegen der durch die Stilllegung des Kaliwerkes eingetretenen Schäden, versuchte er durch erhebliche Aktivitäten die Steuerkraft der Gemeinde Steinförde wieder zu heben.
Deren Erfolg blieb aber leider vielfach aus, weil die verwaltungstechnische Durchführung seiner Absichten eher mangelhaft war.

Die bereits bestehenden engen Baulichkeiten beider Gemeinden wurde dadurch noch verstärkt, dass in den Jahren 1926 bis 1928 etwa 100 Heimstätten für die Beschäftigten der DEA gebaut wurden, die sich aus der einen Gemeinde bis in die andere hineinzogen. Die Notwendigkeit einer nach einheitlichen Gesichtspunkten zu führenden Verwaltung der beiden Gemeinden war bis dahin lediglich auf dem Gebiet des Schulwesens durch einen Gesamtschulverband erreicht worden.

Tatsächlich stellte die Gemeinde Steinförde mit Datum vom 4. Oktober 1927 den Antrag, sie mit Wietze zu vereinigen. Sie wies dabei auf den zu großen Steuerdruck, auf die ungerecht verteilten Schullasten und auf die Notwendigkeit einer einheitlich geleiteten Bebauung hin.

Wietze lehnte diesen Antrag rundweg ab und begründete seine Ablehnung damit, dass die Lage Steinfördes schlechter gemacht werde als sie in Wirklichkeit sei und dass sie erst durch misswirtschaftliche Maßnahmen der Steinförder Gemeindeverwaltung misslich geworden sei. Es wäre deshalb Wietze nicht zuzumuten, die Folgen dieser Maßnahmen auszubaden. Die von Wietze als abfällig kritisierten Maßnahmen der Steinförder Gemeindeverwaltung bestanden im Wesentlichen aus folgendem:

  1. Infolge der Stilllegung des Kaliwerke Steinförde drohte der Verkauf der rund 90 Wohnungen umfassenden Werkskolonie. Die Gemeinde Steinförde kaufte auf einstimmigen Beschluss des Gemeindeausschusses diese Kolonie und das ehemalige Verwaltungsgebäude sowie einige andere Betriebsgebäude für 120.000 RM, die mit Genehmigung des Kreisausschusses langfristig bei der Landesbank zu 8 % Zinsen und 2 % Tilgung angeliehen wurden. Diese Häuser wurden dann an die einzelnen Bewohner weiterverkauft, wobei ein Erlös von 170.000 RM erzielt wurde, der aber hypothekalisch gesichert werden musste. Die Gemeinde Wietze bezweifelte die Sicherheit dieser Hypotheken und den Eingang der Zinsen.
  2. Im Jahr 1927 kam der sogenannte Rahtesche Hof (Georg Rahte) zur Zwangsversteigerung. Nachdem schon eine Anzahl Grundstücke vorweg verkauft waren, kaufte die Gemeinde Steinförde den Resthof mit rund 146 Morgen mit der Begründung, dass mehrere Grundstücke zwecks Schulbau gebraucht würden und dass die Gemeinde für Bauland vorsorgen wolle. Dafür wurden 100.000 RM zu 9 % Verzinsung ebenfalls von der Landesbank aufgenommen. Die Gemeinde Wietze bezweifelte die Wirtschaftlichkeit dieses Kaufes.
  3. Im Jahre 1926 geriet das Sägewerk Rose, das etwa 60 Arbeiter beschäftigte, durch Kündigung eines Kredites in Bedrängnis. Um das Werk für die Gemeinde zu erhalten und weiteren Steuerausfällen und weiterer Arbeitslosigkeit vorzubeugen, beschloss die Gemeindevertretung, für ein von dem Sägewerkbesitzer Rose bei der Berliner Hypothekenbank aufzunehmendes 8 % iges Darlehen von 150. 000 RM die selbstschuldnerische Bürgschaft zu übernehmen. Die Bedenken der Gemeinde Wietze gegen diese Bürgschaftsübernahme haben sich in der Folgezeit als berechtigt erwiesen. Das Sägewerk kam Ende 1928 zum Konkurs.
  4. Die Gemeinde Steinförde hatte 1927 beschlossen, das ehemalige Maschinengebäude des Kaliwerkes, das sie inzwischen auch mit 30 Morgen Land für 15.000 RM erworben hatte, zu einem Sol- und Moorbad auszubauen und dabei das ehemalige sehr geräumige Verwaltungsgebäude als Kurhaus zu verwenden.

Die Gemeinde Wietze bemängelte auch das Risiko dieser Einrichtung. Die weitere Entwicklung hat dann ergeben, dass das Bad wohl Anklang in der Bevölkerung fand und dass der Krankenkassenverband einen zunächst einjährigen Vertrag mit der Gemeinde Steinförde wegen der Nutzung des Bades abschloss, dessen Moorbäder sich bald eines guten Rufes erfreuten. Doch konnten dann die Betriebskosten und die Verzinsung von etwa 60.000 RM Anlagekapital nicht herausgewirtschaftet werden. Nach Ansicht des Landrates Heinichen war die Idee nicht schlecht, ihre Ausführung aber ohne das richtige Augenmaß erfolgt und ohne hinreichendes Sachverständnis vorgenommen.

Unter diesen Prämissen erfolgte dann am 5. Oktober 1928 der Zusammenschluss.

Mitte November 1928 eröffnete die SPD den Gemeindewahlkampf Wietze-Steinförde mit einer großen öffentlichen Versammlung.
Ein Bericht darüber stand am 13. November 1928 in der Celler Volkszeitung und gibt einen sehr guten Einblick in die Situation in Steinförde nach der Zusammenlegung mit Wietze

Schon Ende November 1928 traten dann Umstände ein, die die von Höppner dargestellte Vermögenslage Steinfördes in einem ganz anderen Licht erscheinen ließen. Es stellte sich nämlich heraus, dass der Gemeindevorsteher Höppner zusammen mit Beigeordneten zu Gunsten des Sägewerksbesitzers Rose Wechsel im Gesamtbetrag von rund 330.000 RM für die Gemeinde Steinförde unterschrieben hatte. Weiterhin stellte sich heraus, dass ein Bürgschaftsbeschluss über 135.000 RM dazu benutzt worden war, ein weiteres zusätzliches Darlehen von 100.000 RM für Rose unter Bürgschaft der Gemeinde aufzunehmen. Von diesen Manipulationen war der Gemeindevertretung von Steinförde, wie die dann in den anhängigen Prozessen erhobenen Beweise ergaben, nichts bekannt.

Landrat Heinichen brachte diese Vorgänge dann zur Anzeige. Gemeindevorsteher Höppner und Sägewerksbesitzer Rose wurden dann ab Januar 1929 in Untersuchungshaft genommen. Der Prozess begann am 13. Februar 1929 im neuen Amtsgerichtsgebäude in der Kanzleistraße, das noch nicht einmal die offizielle Einweihung bestanden hatte. Die Aufmerksamkeit für diesen Prozess ging weit über die Grenzen des Landkreises hinaus und erregte die Gemüter.

Nach gut einem Jahr, am 21. März 1930, wurde das Urteil gesprochen. Rose wurde verurteilt zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Höppner zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis. Andere Beteiligte aus Steinförde erhielten Geldstrafen oder wurden freigesprochen.

Die Cellesche Zeitung gab das Urteil des Steinförder Betrugsprozesses mit folgender Einleitung bekannt:

Celle hat seinen Sensationsprozess gehabt. Das Urteil ist gesprochen.
Endlich, werden nicht nur die Angeklagten ausrufen, die diesem Tag seit über einem Jahr entgegengebangt haben und für die die heutige Nacht vielleicht die erste Nacht ruhigen Schlafes seit vielen Wochen bedeutet. Endlich, werden auch alle die ausgerufen haben, die amtlich oder ehrenamtlich mit diesem Monsterprozess zu tun hatten. Endlich, rufen auch die Berichterstatter der Presse aus, für die dieser Prozess keine reine Freude war.

Der alten Gemeinde Wietze wurde die Zusammenlegung der beiden Gemeinden Wietze und Steinförde zu der Gemeinde Wietze dadurch schmackhaft gemacht, dass der Landkreis einen Teil der Verbindlichkeiten übernahm und dass durch Verkauf oder Verpachtung des Roseschen Sägewerkes, des Bades und anderer Immobilien der alten Gemeinde Steinförde die finanzielle Last gemildert wurde.

Landrat Heinichen schließt seinen Bericht mit den Zukunftsaussichten der neuen Gemeinde Wietze. Er stellt dabei besonders heraus, dass es gelungen ist, in der Person des der SPD angehörenden früheren Kreisausschussbeamten und Verwaltungsdirektors i. R. Wesener, der zuletzt im Krankenkassenwesen tätig war, ein tüchtiger, im besten Mannesalter stehender Verwaltungsbeamter als Gemeindevorsteher an die Spitze des neuen Gemeinwesen gebracht worden ist. Ihm traut er zu, dass er die Gemeindeverwaltung wieder in einen geregelten Gang bringen wird.

Weiterhin stellt der Landrat fest:
Die Zukunft der Gemeinde steht und fällt mit ihrer Erdölindustrie, die im letzten Jahre 47.000 t Erdöl - ungefähr je zur Hälfte aus Schacht und Bohrbetrieb - gewann. Schließlich erscheinen mir auch wesentlich für die Zukunft der Gemeinde Wietze, dass die Verkehrsmöglichkeiten weiter entwickelt werden. Dies besonders für den Fall, dass die Erdölindustrie, deren Lebensdauer vom Betriebsdirektor Grosse auf 50 bis 70 Jahre geschätzt wird, dann zurückgehen wird. Von Celle ist Wietze 17 km entfernt, von Hannover zur zeit noch etwa 40 km. Diese Entfernung lässt sich auf etwa 30 km abkürzen, wenn eine neue Wegeverbindung von Wietze über Elze zu der damaligen Provinzstraße nach Hannover geschaffen würde. Dieser Weg ist von der Kreisverwaltung bereits in über 3 km Länge bis zur Kreisgrenze ausgebaut. Der Weiterbau in etwa 2 km Länge bis Elze ist einstweilen allerdings am Widerspruch des angrenzenden Kreises Burgdorf gescheitert.