Gerda Krüger

Lust am Landleben und an der Musik
(Von Lothar H. Bluhm, CZ, 12.08.2009)

Wenn sich die Wieckenbergerin Gerda Krüger heute noch einmal einen Beruf aussuchen dürfte, würde sie sich für den einer Meteorologin entscheiden. Sie wisse häufig schon vorher, wie das Wetter in den kommenden Tagen wird und wie sich die Klimaveränderungen auf Wieckenberg auswirken. „Wetter interessiert mich sehr, die Temperatur und der Wind.“ Naja, und vielleicht wäre der Beruf einer Biologin oder der Ornithologin für sie interessant. Schließlich kenne sie jeden Vogel, jeden Baum und jeden Strauch.

WIECKENBERG. Ich bin doch gar nicht interessant, heißt es häufig mit einer abwehrenden Handbewegung, wenn um ein Interview gebeten wird. Oder man hätte gar keine Zeit. Bei Gerda Krüger ist das anders: Zwar findet auch sie, dass sie nicht für die Zeitung interessant sei, aber dann erzählt sie doch aus ihrem 93-jährigen Leben und über die Zeit auf dem Reiterhof in Wieckenberg.

Dort lebt sie seit 1942, nachdem sie ihren Mann Kurt Krüger in Braunschweig kennen gelernt hat. Das war Sonnabend Abend am 20. Juni 1941, als sie mal nicht ausgehen wollte. Mit ihrer Freundin Ilse traf sie dennoch im Restaurant „Stadtpark“ in Braunschweig sechs Flak-Soldaten, die sich einfach an ihren Tisch setzten. Das verbaten sich die sehr an Theater, Kino und Konzerten interessierten jungen Frauen aus Braunschweigs Feldherren-Viertel und wechselten sofort den Tisch. Die Herren aber ließen nicht locker und fragten – diesmal formvollendet –, ob bei den Damen noch ein paar Plätze frei wären. Es waren.

Und schon hatte es zwischen ihr und Kurt Krüger gefunkt. „Vier Wochen haben genügt, uns so zusammen zu schweißen, dass wir fürs Leben zusammenbleiben wollen“, erinnert sich die Seniorin heute an die erste Begegnung. Weihnachten 1941 gab es die Verlobung, am 31. Januar 1942 wurde geheiratet. „Wir mussten heiraten, damit mein Mann um einen Russland-Einsatz herumkam.“ Er wurde dennoch in den Kriegeinsatz geschickt: Nach Kroatien. Und wenn Gerda Krüger auf die Frage nach ihrer schönsten Zeit antworten soll, so kommt ganz schnell: „Wir haben uns unsagbar geliebt.“ Es seien einfach ihre glücklichsten Jahre ihres Lebens gewesen, die Ehe mit Kurt Krüger.

1971 ist ihr Ehemann gestorben. „Er war ein großzügiger, humorvoller und herzensguter Mensch, der sich für jeden eingesetzt hat“, sagt die Witwe. Ihre einzige Tochter Marianne ist 2002 mit 59 Jahren an einem Gehirntumor verstorben. Heute betreut Großsohn Alexander seine 93-jährige Oma.

Die Stechinellikapelle hinter der Gartenpforte

Gerda Krüger schaut heute von ihrem Lieblingsplatz auf der Licht durchfluteten Glasveranda durch die kleine Gartenpforte auf die rote Stechinellikapelle mit den grauen Säulen: „Früher gehörte die Kapelle mit zu unserem Rittergut“, skizziert die 93-Jährige kurz die Zeit um 1521. Schon damals sei Pferdezucht auf dem Gut groß geschrieben worden. „Wir hatten hier lange Jahre Staatsprämienstuten.“

Kein Wunder, dass auch in jüngster Neuzeit immer wieder der Reitsport auf dem Hof dominierte. Der wurde im Laufe der Jahre auf seine heutige Größe als Resthof mit florierendem Reiterhof reduziert. Ein Großteil der Flächen wurde als Bauland verkauft oder verpachtet, ebenso Stallgebäude und die alte Remise.

Heute spielt der vierjährige Urenkel Lennard mit seinem blauen Kaufmannsladen neben dem Lieblingsplatz seiner Urgroßmutter. Er ist ihr ganzer Stolz. „Lennard kann schon das ganze Abc aufsagen.“

Und er habe eine scharfe Beobachtungsgabe, ergänzt Gerda Krüger nach einer kurzen Pause. Da seien sich die beiden sehr ähnlich, denn auch ihr wurde während der Schulzeit eben diese scharfe Beobachtungsgabe attestiert. Schließlich habe sie in der Schule gern gelernt.

Jeden Morgen spricht sie französisch mit sich selbst: „Ich begrüße mich allmorgendlich auf französisch“, schildert Gerda Krüger ihr tägliches Ritual, um sprachlich fit zu bleiben.

Quartett zum Sprachenlernen

Durch Dichter-Quartettspiele habe sie sehr viel über deutsche Literatur gelernt und auch mit dem Französischen ging es spielerisch besser: In verschiedenen Quartettspielen übte sie als Schulmädchen die unregelmäßigen Verben. Durch ihre guten Sprachkenntnisse in Französisch habe sie dann im zweiten Weltkrieg ihren Hof in Wieckenberg retten können. Schließlich hätten die britischen Alliierten in Wieckenberg etliche Höfe abgebrannt und am Zaun zum Ritterhof habe sie auf französisch an die englischen Soldaten appelliert, auf das Niederbrennen zu verzichten. Ein französisch sprechender Engländer hatte ein Einsehen mit der jungen Frau – und der Hof war gerettet.

Seit 1957 spielt sie in ihrer Damenrunde regelmäßig Doppelkopf und seit fast 60 Jahren ist sie Landfrau durch und durch. „Ich habe sehr viel von meiner Schwiegermutter gelernt: Zubereiten von Wildgerichten und Geflügel. Die Hofleitung und wann und wo welcher Kunstdünger hinkam.“ Außerdem sei sie mit den Landfrauen sehr viel unterwegs gewesen.

Und sie sei im plattdeutschen Verein aktiv. Regelmäßig gehe sie zu den Altennachmittagen des DRK. Außerdem löse sie jetzt ganz intensiv Kreuzworträtsel, lege Scrabbles und lese sehr viel, sagt Krüger. „Gerade habe ich mir mal Goethe ausgeliehen.“ Sie ärgere sich immer sehr, wenn sie hört, dass die heutige Schuljugend keine Klassiker mehr liest und dass in Quizsendungen keine Autoren und Klassiker hinterfragt werden: „Das vermisse ich immer…“

Ein Leben mit Musik

Dabei ist gerade sie mit Musik groß geworden. Schon als sechs- bis siebenjähriges Kind habe sie gern das Klavierspiel vom Nachbarn im ersten Stockwerk gehört. „Dabei hat mein Vater selbst sehr gut Klavier gespielt“, drückt sie ihre damalige Ungeduld nach guter Musik aus: „Ich habe unsagbar gern Klavier gespielt.“ Zwar sei damals das Lied „Hörst du mein heimliches Rufen“ das Lied im Kriege gewesen, aber heute mag sie es lieber getragen und schön: Thomas Harms soll ihr bei ihrer Beerdigung „Dein ist mein ganzes Herz“ singen. Es wäre das höchste Glück für sie.

Sie hält sich fit und gesund. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr fuhr sie noch regelmäßig längere Touren mit dem Fahrrad, heute sei sie viel auf ihrem Scooter in Wieckenberg unterwegs. Und mit Knoblauchzehen („Jeden Abend eine…“) hält sie sich das Gehirn frei: „Klein gehackt in den Mund nehmen und mit Wasser runterspülen.“ Sie habe ihr Leben lang viel kochen müssen, jetzt begnüge sie sich mit Hühnerfrikassee, Fischgerichten oder Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe: „Ich habe keine Lust mehr zum kochen, fühle mich aber trotzdem gesund.“ Das wird auch deutlich, wenn Gerda Krüger in Dialekte verfällt und in den unterschiedlichsten Mundarten Sätze erzählt.

Und dann legt sich der achtjährige Münsterländer Flocke friedlich auf die Fußmatte in der sonnendurchfluteten Veranda in Wieckenberg und wartet darauf, dass es losgeht, mit Frauchen und dem Scooter.

Lebenslauf

1916 In Braunschweig geboren und im dortigen „Feldherren-Viertel“ aufgewachsen, Besuch der Schule Haydnstraße
1932 Kaufmännische Lehre im Pelzspezialgeschäft Hansen, Braunschweig anschließend Tätigkeit im Ausbildungsbetrieb mit Bankenvollmacht und Prokura
1940 Kennenlernen des Wieckenbergers Kurt Krüger
1941 Verlobung
1942 Hochzeit in Braunschweig, anschl. Umzug auf das Rittergut Wieckenberg
1943 Geburt der Tochter Marianne
Gemeinsame Leitung des landwirtschaftlichen Betriebes mit Geflügel- und Pferdezucht sowie Reiterhof
Mitgliedschaft im Landfrauenverein
1957 Gründung der Doppelkopfrunde
1971 Tod des Ehemannes Kurt Krüger
später Verpachtung des Betriebes